Borderline & Skills zur Emotionsregulation und Selbstregulation

Intensive Gefühle, innere Anspannung, Impulsivität und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen können den Alltag mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sehr belastend machen. Besonders in emotionalen Krisen kann es schwerfallen, einen Moment innezuhalten und eine hilfreiche Reaktion zu finden.

Genau hier setzen Skills an. Skills sind erlernte Strategien, die dabei helfen können, mit intensiven Emotionen, Anspannung, Stress, Impulsen oder schwierigen Situationen umzugehen. Besonders bekannt sind Skills aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) nach Marsha M. Linehan.

DBT wurde ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung  entwickelt. Heute wird sie auch bei anderen psychischen Erkrankungen und Problemen eingesetzt, bei denen Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation eine zentrale Rolle spielen, wie zum Beispiel bei komplexer PTBS. [1] [2]

Auf dieser Seite findest du verständliche Informationen zu:


Was ist Borderline?

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist eine psychische Erkrankung, die unter anderem durch Schwierigkeiten bei der Regulation von Emotionen, ein instabiles Selbstbild, zwischenmenschliche Probleme und Impulsivität gekennzeichnet sein kann. Die Ausprägung ist individuell sehr unterschiedlich. Nicht jede Person mit Borderline erlebt dieselben Symptome oder in derselben Intensität.

Typische Merkmale können sein:

  • intensive und schnell wechselnde Emotionen
  • Schwierigkeiten, starke Gefühle zu regulieren (z.B. häufige Wutausbrüche)
  • ausgeprägte Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden
  • instabile oder konfliktreiche zwischenmenschliche Beziehungen
  • ein wechselndes oder unsicheres Selbstbild
  • Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstbeschädigenden Bereichen (z.B. Geldausgeben, Sex, Substanzmissbrauch).
  • starke innere Anspannung
  • Gefühle von Leere
  • wiederkehrende Suizidgedanken, -versuche oder -andeutungen oder selbstschädigendes Verhalten

Nach dem DSM-IV müssen bei einer Borderline-Störung mindestens fünf der beschriebenen Mermale erfüllt sein. [1] [2]


Borderline und Emotionsregulation

Ein zentraler Bestandteil der Borderline-Persönlichkeitsstörung sind Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation. Bei vielen Betroffenen können Emotionen besonders schnell und intensiv auftreten. Das kann beispielsweise bedeuten:

  • Es dauert lange, bis die emotionale Aktivierung wieder abnimmt.
  • Kleine Auslöser können starke Reaktionen hervorrufen.
  • Nach einem Konflikt fällt es schwer, wieder zur Ruhe zu kommen.
  • Impulse können in emotionalen Situationen schwer kontrollierbar sein.

Dabei geht es nicht darum, dass die Gefühle „übertrieben“ oder „nicht real“ sind. Die emotionale Reaktion ist real. Die Herausforderung besteht häufig darin, mit ihrer Intensität umzugehen.

Genau an diesem Punkt können Skills aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) ansetzen: Sie sollen eine alternative Möglichkeit schaffen, mit hoher Anspannung und intensiven Emotionen umzugehen.


Was sind Skills?

Skills sind erlernte Strategien zur Selbstregulation. Sie können dabei helfen, einen emotionalen Zustand wahrzunehmen, eine Pause zwischen Impuls und Handlung zu schaffen und eine Situation möglichst sicher zu überstehen. Je nach Situation können beispielsweise folgende Dinge hilfreich sein:

  • bewusst atmen
  • die Aufmerksamkeit auf einen starken sensorischen Reiz lenken
    • einen Gegenstand ertasten
    • kaltes oder warmes Wasser wahrnehmen
  • sich bewegen
  • Musik hören
  • Gedanken aufschreiben

Welche Skills funktionieren, ist individuell. Ein Skill, der einer Person hilft, kann für eine andere Person unangenehm oder völlig wirkungslos sein.


Die vier Bereiche der DBT Skills

In der Dialektisch-Behavioralen Therapie werden Skills häufig vier großen Bereichen zugeordnet:

1. Achtsamkeit

Achtsamkeit bedeutet, die eigene Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Moment zu richten und wahrzunehmen, was gerade passiert – ohne es unmittelbar zu bewerten oder verändern zu müssen. Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, einen gewissen Abstand zu automatischen Reaktionen zu gewinnen.

Bei intensiven Emotionen kann es beispielsweise helfen, den Fokus auf Körperwahrnehmungen zu lenken. Mögliche Übungen sind:

  • bewusst fünf Dinge im Raum wahrnehmen
  • Geräusche beobachten
  • den Kontakt der Füße mit dem Boden spüren
  • den Atem beobachten
  • Gedanken wahrnehmen, ohne sofort auf sie zu reagieren

Das Ziel ist nicht, unangenehme Gefühle sofort verschwinden zu lassen. Vielmehr geht es darum, sie wahrzunehmen, ohne automatisch nach dem ersten Impuls zu handeln.


2. Stresstoleranz

Stresstoleranz-Skills können besonders in akuten Situationen eingesetzt werden, in denen die emotionale Anspannung sehr hoch ist. Ziel ist, eine schwierige Situation auszuhalten, ohne sich selbst oder andere zu schädigen.

Mögliche Skills können sein:

  • intensive, aber sichere körperliche Bewegung (z.B. Hampelmann, auf der Stelle sprinten)
  • bewusstes Wahrnehmen von Sinnesreizen
  • Musik
  • Atemübungen
  • ein Fidget-Gegenstand
  • Ablenkung durch eine konkrete Tätigkeit
  • Kontakt zu einer vertrauten Person
  • sich vorübergehend aus einer belastenden Situation zurückziehen

Gerade bei sehr hoher Anspannung können einfache und schnell verfügbare Skills hilfreich sein.

 

3. Emotionsregulation

Emotionsregulations-Skills setzen stärker an den eigenen Gefühlen und deren Auslösern an. Dabei geht es beispielsweise darum:

  • Gefühle besser zu erkennen
  • emotionale Auslöser zu verstehen
  • Bedürfnisse wahrzunehmen
  • hilfreiche Verhaltensweisen aufzubauen


4. Zwischenmenschliche Fertigkeiten

Borderline kann Beziehungen besonders herausfordernd machen. Betroffene fühlen sich entfremdet, einsam oder missverstanden. Zwischenmenschliche Skills helfen beispielsweise dabei:

  • eigene Bedürfnisse auszudrücken
  • Grenzen zu setzen
  • „Nein“ zu sagen
  • Konflikte konstruktiver zu führen
  • Beziehungen zu erhalten
  • die eigenen Ziele in einem Gespräch nicht aus den Augen zu verlieren


Skills für verschiedene Anspannungslevel

Wenn die emotionale Anspannung sehr hoch ist, kann Denken und Entscheiden deutlich schwieriger werden. Ein hilfreicher Ansatz kann deshalb sein, nicht erst in der Krise nach einem passenden Skill zu suchen. Stattdessen kann es sinnvoll sein, sich vorher eine persönliche Skills-Sammlung, Skills-Tasche oder Notfallkoffer zusammenzustellen. Der Notfallkoffer sollte aus nicht mehr als drei bis vier Skills bestehen. Hier eine Übersicht an Skills für verschiedene Anspannungslevel:

Bei leichter bis mittlerer Anspannung

  • Emotionen beobachten und beschreiben, z.B. was hat die Anspannung ausgelöst? Was sind meine Gedanken? Was spüre ich in meinem Körper? Was fühle ich?
  • Musik hören
  • spazieren gehen
  • mit einem Fidget spielen
  • Lieblingssnack
  • einen Tee trinken
  • jemanden anrufen
  • Atemübungen


Bei sehr hoher Anspannung (Hochstress-Skills mit starken sensorischen Reizen über unsere fünf Sinne)

  • kaltes Wasser über das Gesicht laufen lassen
  • Eiswürfel in die Hand oder in den Mund nehmen
  • Massagekugel (Igelball) über die Arme kreisen lassen
  • Gesamten Körper abklopfen
  • Kaugummis (Centershock, Airwaves) kauen
  • An ätherischen Ölen (z.B Tiger Balm) riechen
  • Gummiband am Handgelenk schnipsen
  • anstrengende Sportübungen, z.B. Wandhocke, Hampelmänner, Burpees, Liegestützen


Fidget Toys als sensorische Ablenkung

Sensorische Reize können genutzt werden, um Aufmerksamkeit zu lenken oder einen emotional aufgeladenen Moment zu unterbrechen. Fidget Toys können solche kontrollierbaren, körperfreundlichen, sensorischen Reize bieten:

  • Drehen & Rotieren: Fidget Ringe
  • Drücken & Ziehen: Stressbälle, Squishies, Squeeze Toys, Knete, Fidget-Tangle
  • Klicken: Fidget Clicker, Tastatur Fidget
  • Tasten & Fühlen: Igelbälle, Akupressurringe, Akupressurchips, Textur-Fidgets
  • Kauen & Beißen: Kausticks und spezielle Chew Toys

Ein Fidget Ring kann dabei besonders praktisch sein, weil er unmittelbar verfügbar ist. Er kann beispielsweise unauffällig am Finger gedreht oder bewegt werden. Das kann besonders im Alltag praktisch sein:

  • bei der Arbeit
  • in Gesprächen
  • unterwegs
  • beim Warten
  • beim Fernsehen
  • in stressigen Situationen

Auch ein elastisches Fidget Armband kann eine praktische Möglichkeit sein, sensorische Reize in den Alltag zu integrieren. Es lässt sich direkt am Handgelenk tragen und kann bei Bedarf ertastet oder für einen leichten Schmerzreiz geschnipst werden.

Skills funktionieren am besten, wenn sie nicht erst in der größten Krise ausprobiert werden. Du kannst verschiedene Strategien zunächst in Situationen mit niedrigerer Anspannung testen und herausfinden: Was funktioniert für mich?

 

Weitere Ressourcen & Buchempfehlungen

Hinweis: Einige Links auf dieser Seite führen zu externen Websites. Es handelt sich hierbei um unbezahlte Empfehlungen, für die ich keine Vergütung erhalte.
  • DBT-Skillstraining: Das Patienten-Manual - Martin Bohus
  • Stärker als Borderline: Wie du dein Gefühlschaos kontrollieren kannst - Debbie Corso
  • Extrem fühlen: Mein schrecklich schönes Leben mit Borderline - Joelle Westerfeld
  • Die Welt der Frauen und Mädchen mit Borderline: Wie sie Halt finden in einem Leben zwischen Extremen - Matthies & Janzarik
  • Ich hasse dich - verlass mich nicht: Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit - Kreisman & Straus



Quellenverzeichnis

[1] Bohus, Martin (2024): DBT-Skillstraining: Das Patienten-Manual. Schattauer, 4. Nachdruck, 464 Seiten, ISBN 978-3-608-40193-6.
[2] Kreisman, Jerold J. & Straus, Hal (2012): Ich hasse dich – verlass mich nicht: Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit. Kösel, 3. Auflage, 416 Seiten, ISBN 978-3-466-34784-1