Autismus bei Erwachsenen: Stimming, Masking und Fidget Toys

Autismus ist eine neuroentwicklungsbedingte Form der Neurodivergenz, die beeinflusst, wie Menschen soziale Situationen, Kommunikation, Reize und ihre Umwelt wahrnehmen und verarbeiten. Autismus zeigt sich bei jedem Menschen unterschiedlich. [1]

Die Autismusforschung hat sich lange Zeit überwiegend an männlichen, weißen Jungen orientiert. Dadurch wurden Frauen und andere bisher unterrepräsentierte Gruppen in der Forschung oft weniger berücksichtigt. Das kann dazu beitragen, dass Autismus bei Frauen und BIPoCs später oder seltener erkannt wird.

Ein weiterer möglicher Grund sind unterschiedliche Sozialisierungserfahrungen von Mädchen und Jungen. Von Mädchen werden häufig früh soziale Anpassungsfähigkeit, Empathie, Zurückhaltung und die Orientierung an sozialen Beziehungen erwartet. Manche autistische Mädchen entwickeln früh Strategien, um Schwierigkeiten in sozialen Situationen zu kompensieren oder ihre eigenen Bedürfnisse zu verbergen. Dieses sogenannte Masking oder Camouflaging kann dazu führen, dass autistische Merkmale für andere weniger sichtbar sind. Studien weisen darauf hin, dass autistische Frauen im Durchschnitt häufiger camouflagen als autistische Männer. [2]

Auf dieser Seite findest du verständliche Informationen zu:


Was ist Autismus?

Autismus ist eine neuroentwicklungsbedingte Variante menschlicher Wahrnehmung und Verarbeitung mit einer starken genetischen Komponente. Schätzungen zufolge betrifft Autismus etwa 1 % der Bevölkerung. [3]

Typische Merkmale betreffen unter anderem soziale Kommunikation und Interaktion sowie sich wiederholende (stereotype) Verhaltensmuster und die Verarbeitung von Reizen. 

1. Soziale Kommunikation und Interaktion

  • Schwierigkeiten, unausgesprochene soziale Regeln intuitiv zu verstehen
  • Unsicherheit bei Smalltalk oder Gruppengesprächen
  • Schwierigkeiten, Ironie, Andeutungen oder nonverbale Signale einzuordnen
  • Bedürfnis nach klarer und direkter Kommunikation
  • Erschöpfung nach längeren sozialen Situationen


2. Routinen und Veränderungen

Viele autistische Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach vorhersehbaren Abläufen und festen Routinen. Unerwartete Veränderungen können dagegen besonders anstrengend sein.

Das kann beispielsweise bedeuten:

  • Änderungen von Plänen führen zu Stress
  • spontane Termine fühlen sich belastend an
  • bestimmte Abläufe geben Sicherheit
  • Entscheidungen können anstrengend sein, wenn zu viele Möglichkeiten bestehen
  • nach einem ungeplanten Ereignis wird Zeit benötigt, um sich wieder zu regulieren
  • Starkes Bedürfnis nach Kontrolle und Routinen


3. Sensorische Verarbeitung

Auch die Verarbeitung von Sinnesreizen kann bei Autismus anders sein. Manche Menschen reagieren besonders empfindlich auf bestimmte Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche oder Texturen. Andere suchen dagegen gezielt nach bestimmten sensorischen Reizen.

Beispiele können sein:

  • Geräusche können schnell als unangenehm oder überwältigend empfunden
  • bestimmte Kleidung oder Materialien fühlen sich unangenehm an
  • helles Licht oder viele Menschen können überfordernd sein
  • bestimmte Bewegungen, Geräusche oder Berührungen werden als angenehm empfunden

Autismus ist ein Spektrum. Das bedeutet nicht, dass alle autistischen Menschen dieselben Eigenschaften oder Schwierigkeiten haben. Manche benötigen im Alltag viel Unterstützung, während andere weitgehend selbstständig leben, arbeiten und Beziehungen führen.


Autismus bei Frauen

Autismus wurde lange stärker anhand der Merkmale untersucht und erkannt, die bei Jungen und Männern auffallen. Dadurch können Frauen und Mädchen mit Autismus leichter übersehen werden. 

Ein wichtiger Faktor kann dabei Masking sein. Masking bedeutet, dass eine Person bewusst oder unbewusst versucht, autistische Merkmale weniger sichtbar zu machen. Dazu können beispielsweise das Beobachten und Nachahmen anderer Menschen, das Einüben sozialer Regeln oder das Unterdrücken von Stimming gehören.

Besonders Frauen im Spektrum maskieren häufig so erfolgreich, dass ihr Autismus jahrzehntelang unerkannt bleibt. Frauen lernen früh, soziale Regeln und Mimik zu imitieren. Spezialinteressen können oft wie normale Hobbys wirken (z.B. Tiere, Bücher, Serien, Musik, Sport).

Forschung zu Camouflaging beschreibt unter anderem Strategien des Maskierens, Kompensierens und Anpassens. Diese Strategien können kurzfristig dabei helfen, soziale Situationen zu bewältigen, gleichzeitig aber sehr anstrengend sein.

Mögliche Anzeichen bei autistischen Frauen

  • soziale Situationen stark analysieren
  • Gespräche im Nachhinein immer wieder durchspielen
  • Blickkontakt bewusst herstellen
  • soziale Regeln werden bewusst gelernt statt intuitiv verstanden
  • Gesichtsausdrücke anderer beobachten und nachahmen
  • vorher überlegen, was man in einer Situation sagen sollte
  • soziale Situationen trotz Überforderung weiter durchhalten
  • nach Treffen mit anderen Menschen besteht ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis
  • Reize wie Geräusche, Licht oder Berührungen können schnell überfordern
  • Veränderungen oder spontane Planänderungen lösen Stress aus
  • bestimmte Interessen werden sehr intensiv verfolgt
  • Routinen geben Sicherheit
  • Stimming wird eher heimlich oder unauffällig ausgeführt
  • das Gefühl, sich ständig anpassen zu müssen, kann sehr anstrengend sein

Diese Merkmale sind keine Diagnosekriterien für sich allein. Eine Autismusdiagnose kann nur im Rahmen einer fachlichen Abklärung gestellt werden.


Was ist Stimming?

Stimming steht für „self-stimulatory behaviour“ und bezeichnet wiederholte Bewegungen, Geräusche oder Handlungen, die mit sensorischer oder emotionaler Regulation verbunden sein können.

Stimming kommt bei vielen autistischen Menschen vor und kann ganz unterschiedlich aussehen. Zum Beispiel:

1. Hände und Finger

  • Finger bewegen
  • mit den Händen flattern
  • Finger aneinanderreiben
  • auf Gegenständen herumdrücken
  • kleine Gegenstände drehen oder bewegen
  • mit einem Ring spielen

2. Körperbewegungen

  • Wippen
  • Hin- und Herbewegen
  • mit dem Fuß wippen
  • rhythmisches Tippen
  • Schaukeln

3. Geräusche

  • Summen
  • bestimmte Geräusche wiederholen
  • leises Sprechen oder Murmeln
  • bestimmte Geräusche immer wieder anhören

4. Taktile Reize

  • bestimmte Materialien berühren
  • Oberflächen ertasten
  • mit Haaren spielen
  • Kleidung oder Stoffe wiederholt anfassen
  • Gegenstände drehen oder fühlen

Stimming kann dabei helfen, sensorische Reize zu regulieren, Aufmerksamkeit zu unterstützen oder mit Stress und Emotionen umzugehen. 

Stimming muss nicht immer offensichtlich sein. Gerade Erwachsene, die ihr Stimming über viele Jahre angepasst oder unterdrückt haben, nutzen möglicherweise sehr subtile Formen. Zum Beispiel:

  • einen Ring drehen
  • mit einem Schmuckstück spielen
  • mit den Fingern aneinanderreiben
  • auf einem Stift klicken
  • den Fuß unter dem Tisch bewegen
  • an einer bestimmten Stoffstruktur fühlen
  • kleine Gegenstände in der Hand bewegen
  • leise mit den Fingern auf eine Oberfläche tippen

Ein unauffälliges Fidget Toy kann deshalb im Alltag angenehmer sein als ein großes oder auffälliges Fidget Toy.

Dabei geht es nicht darum, autistische Merkmale „wegzumachen“. Vielmehr kann ein Gegenstand eine Möglichkeit bieten, einen angenehmen sensorischen Reiz zu nutzen, ohne dabei viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.


Fidget Toys für Stimming

Fidget Toys können eine einfache Möglichkeit sein, einen bestimmten sensorischen Reiz verfügbar zu machen. Besonders praktisch können sie im Alltag sein, wenn sie:

  • klein und leicht sind
  • jederzeit verfügbar sind
  • leise verwendet werden können
  • nicht viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen
  • angenehm in der Hand liegen
  • eine vorhersehbare Bewegung ermöglichen

Ein Fidget Ring verbindet dabei einen sensorischen Gegenstand mit einem Schmuckstück. Statt ein separates Fidget Toy in der Tasche mitzuführen, kann ein Ring direkt am Finger getragen und bei Bedarf gedreht oder bewegt werden. Das kann beispielsweise im Büro, in der Bahn, beim Fernsehen oder während eines Gesprächs praktisch sein.

Nicht jeder Mensch mit Autismus möchte oder braucht ein Fidget. Auch bei Stimming gilt: Was sich angenehm und regulierend anfühlt, ist individuell.


Weitere Ressourcen & Buchempfehlungen

Hinweis: Einige Links auf dieser Seite führen zu externen Websites. Es handelt sich hierbei um unbezahlte Empfehlungen, für die ich keine Vergütung erhalte.
  • Versteckter Autismus entmaskiert: Von der Befreiung, die eigene Neurodivergenz zu akzeptieren und autistische Symptome nicht länger zu unterdrücken - Devon Price
  • UNMASKED: The Ultimate Guide to ADHD, Autism and Neurodivergence - Elli Middleton
  • Die Welt autistischer Frauen und Mädchen - Mannherz, Ditrich, Koentges
  • The Autistic Burnout Workbook: Your Guide to Your Personal Recovery Plan (Self-Care for Autistic People) - Dr. Megan Anna Neff
  • Typisch untypisch - Berufsbiografien von Asperger-Autisten: Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen - Kohl, Seng, Gatti
  • https://wohnzimmer-neurodivers.de/


Quellenverzeichnis

[1] Barmer. (n. d.). Neurodiversität: Welche Diagnosen zählen dazu? https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/psychische-gesundheit/neurodiversitaet-1300456#Welche_Diagnosen_zu00E4hlen_zu_Neurodivergenz-1415716  (Abgerufen am 20.08.2026)
[2] Hull, L., Lai, M.-C., Baron-Cohen, S., Allison, C., Smith, P., Petrides, K. V., & Mandy, W. (2020). Gender differences in self-reported camouflaging in autistic and non-autistic adults. Autism, 24(2), 352–363.
[3] https://gesund.bund.de/autismus#haeufigkeit (Abgerufen am 20.08.2026)